Dienstag, 17. August 2010

Zur Erinnerung an die Fußball-WM 2010: Kleine Kulturgeschichte des Fußballs

Fußball – Vom zügellosen „Kampfsport“ zum reglementierten Spiel


„Bin ich so rund mit Euch, als Ihr mit mir, Daß Ihr mich wie 'nen Fußball schlagt und stoßt? Hin und zurück nach Lust schlägt mich ein jeder: Soll das noch lange währ'n, so näht mich erst in Leder!“ So lässt William Shakespeare in seiner „Komödie der Irrungen“ den Diener Dromio sagen, und so wird angedeutet, was bis ins 19. Jahrhundert gang und gäbe war: Fußball als wildes, ja „gefährliches Spiel“, wie es die FIFA (Fédération Internationale de Football Association) noch 1904 definierte.

Bereits um 3.000 v. Chr. war in China ein Spiel namens Ts’uh-chüh ("den Ball mit dem Fuß stoßen") bekannt, dass der militärischen Ausbildung diente und dementsprechend rüde vonstatten ging. In der griechischen und römischen Antike existierte ein Ballspiel namens Harpaston, das ebenfalls zur körperlichen Ertüchtigung gedacht war und als elementaren Bestandteil den Zweikampf vorsah. Immerhin bemerkte der Gladiatorenarzt Galenos in seinen Werken, dass das Verletzungsrisiko deutlich niedriger als bei anderen Wettkämpfen lag.

Im Mittelalter ging es besonders auf der britischen Insel wenig zimperlich zu. Hier wurde Fußball beinahe ohne Regeln, dafür aber mit großer Brutalität betrieben. Oft traten zwei Dörfer oder Städte gegeneinander an, um eine mit Luft gefüllte Schweineblase auf jede erdenkliche Weise ans andere Ende des gegnerischen Ortes zu jagen. Ein Zeitzeuge aus dem 13. Jahrhundert berichtet von „einer wüsten Masse, die sich vorgenommen zu haben scheint, sich gegenseitig zu vernichten.“ Tatsächlich kam es zu mehreren Todes-fällen; von den Obrigkeiten wurde das Kampfspiel immer wieder per Gesetz untersagt.

Einen Eindruck vom Ablauf eines solchen Spektakels bekommt, wer sich am Faschingsdienstag und Aschermittwoch etwa in die mittelenglischen Ortschaft Ashbourne begibt: Beim "Shrovetide football", das dem mittelalterlichen Wettstreit nachempfunden ist, wird ein Ball von der Größe eines Medizinballes in die Menge geworfen, die sich völlig unkontrolliert auf das mit Kork gefüllte Leder stürzt. Regeln gibt es dabei kaum: Die Zahl der Spielenden kann mehrere hundert Menschen umfassen, die Spielzeit beträgt an beiden Tagen je acht Stunden, das Spielfeld umfasst einige Quadratkilometer und beinhaltet unter anderem den örtlichen Fluss.

An den britischen Eliteschulen (public schools) ging es kaum gesitteter zu als beim folk football der einfachen Leute. Auch die Sprösslinge der Adelsfamilien taten (fast) alles, um in den Besitz des Balles zu gelangen: Treten, Schlagen und Stoßen gehörte zum Spiel mit dazu. Erst um die Mitte des 19. Jahrhunderts zogen an den public schools neue Werte in den Fußball ein. Fortan sollten nach dem Willen der Pädagogen Tugenden wie Teamgeist, Fair Play und Selbstkontrolle in den Vordergrund treten.

Zu jener Zeit wurden an der Universität Cambridge erstmals jene Regeln formuliert, die die Grundlage des modernen Fußballspiels bilden sollten. Diese so genannten Cambridge rules aus dem Jahre 1848 untersagten es den Spielern unter anderem, einander ans Schienbein zu treten, ein Bein zu stellen und den Ball mit der Hand aufzugreifen. 1863, als in London der erste Fußballverband (Football Association) entstand, wurden das „Vorrecht“ des Fußes vor der Hand und weitere zentrale Richtlinien in einem umfassenden Regelwerk festgeschrieben.

Dieses Reglement trieb zum Teil kuriose Blüten. So besagte eine Vorschrift aus dem Jahre 1864, die Hosen der Spieler müssten deren Knie bedecken, und ihre Mützen sollten mit Quasten versehen sein. Ein Jahr darauf schrieb man die Höhe der Tore auf 2,44 Meter fest – und markierte diese Obergrenze mit Hilfe von Schnüren. Tornetze führte man überhaupt erst 1890 ein; zuvor geschah es sicher des Öfteren, dass der Schiedsrichter einen Torstoß einfach übersah. Zum alleinigen Leiter eines Spieles erklärte man den Schiedsrichter übrigens im selben Jahr. In den Anfangsjahren des „modernen Fußballs“ hatten nämlich die beiden Mannschaftskapitäne über die Einhaltung des Regelwerks entschieden.

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